Gegen sexuelle Gewalt sowie für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt / Against Sexual Violence and Pro Fairness in Case of Sexual Violence

Bei Sexualdelikten zeigt sich, dass die allgemeine Anwendung des Strafrechts, insbesondere die Unschuldsvermutung, zu Lasten des Schutzes der Opfer geht.  Jeder Zweifel an der Schuld des Täters richtet sich bei sexuellen Übergriffen gegen das Opfer. Da es aber für sexuelle Gewalttaten charakteristisch ist, dass keine Zeugen zugegen sind, steht vor Gericht meistens Aussage gegen Aussage. Nur wenn es das Gericht schafft, die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei zu beweisen, kann es auch den Opferstatus des Verletzten bestätigen. Bleibt jedoch der geringste Zweifel an der Schuld des Angeklagten, bleiben gleichzeitig Zweifel daran, ob das Opfer die Wahrheit sagt. Vor dem Hintergrund der fehlenden Zeugen und der Anwendung der Unschuldsvermutung vor Gericht besteht bei Prozessen wegen Sexualdelikten ein klarer Vorteil für den Angeklagten.

 

In diesem Zusammenhang halten wir es für sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass Sexualdelikte entgegen der allgemein üblichen Meinung und Darstellung, meistens nicht durch Fremde begangen werden. Es sind vielmehr Menschen aus der Familie oder dem nahen Umfeld des Opfers, die in den meisten Fällen von sexueller Gewalt Täter sind, z. B. Väter, Stiefväter, Großväter, Onkel, ältere Brüder, Partner, ehemalige Partner und Ehemänner etc.

 

Die Opfer haben nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei den Tätern meistens um Angehörige oder Bekannte handelt, große Hemmungen, sich einem Menschen anzuvertrauen. Da ist beispielsweise die nicht völlig unbegründete Angst, dass ihnen als Opfer nicht geglaubt wird. Darüber hinaus kann auch ein Loyalitätskonflikt, dem sich das Opfer gegenübersieht, zu seinem Schweigen führen. Die meisten Opfer brauchen entsprechend Jahre bis Jahrzehnte bis sie sich einem Menschen anvertrauen können und in der Lage sind, zu erzählen, was ihnen widerfährt oder widerfahren ist. Für eine Anzeige ist es dann in vielen Fällen zu spät, da in Deutschland für Fälle von sexueller Gewalt Verjährungsfristen bestehen, die sich trotz heftigster Forderungen nach Aufhebung immer noch beharrlich halten. Wir fordern eine völlige Aufhebung jeglicher Verjährungsfristen im Zusammenhang mit sexuellen Straftaten und werden mit allen Mitteln dafür kämpfen, die uns zur Verfügung stehen. Dazu zählen beispielsweise Beobachtungen sowie Auswertungen von Prozessen bezüglich sexueller Gewalt, die wir in Zusammenarbeit mit und nach der Idee von der Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt  (http://ifgbsg.org/) organisieren, Petitionen gegen Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt und entsprechende Demonstrationen.

 

Darüber hinaus halten wir eine Aufklärung in Schulen sowie anderen Einrichtungen, in denen Kinder betreut werden, über die Anzeichen eines sexuellen Missbrauchs sowie Signalen, die sexuell missbrauchte Kinder bewusst oder unbewusst aussenden, für überaus wichtig. Hier sehen wir derzeit eine erhebliche Lücke im Allgemeinwissen, u. a. auch deshalb, weil das Thema "sexueller Missbrauch" in keiner uns bekannten Universität als Seminar oder gar Vorlesung angeboten wird. Daher planen wir, in Zusammenarbeit mit Grund- sowie Gesamtschulen ein Weiterbildungskonzept ins Leben zu rufen, welches zum Ziel hat, das Kollegium von Schulen an das Thema heranzuführen und die Wahrnehmung von Lehrerinnen und Lehrern zu schulen. 

 

Unsere Arbeit hört bei den Pädagogen aber noch lange nicht auf. Die angemessene Ansprache der Schülerinnen und Schüler auf dieses Thema ist uns mindestens genauso wichtig. Es ist an der Zeit, dass Kindern nicht nur gesagt wird: "Geh nicht mit Fremden mit". Erwiesenermaßen tritt sexueller Missbrauch nämlich vergleichsweise selten durch Fremde auf, sondern findet in den meisten Fällen in der Familie, im Verwandten- oder Bekanntenkreis auf.

 

Es ist daher neben der Warnung vor dem "fremden Mann" mindestens genauso wichtig und notwendig, dass beispielsweise folgende Sätze ausgesprochen werden: "Falls jemand aus deiner Familie, sei es dein Vater, dein Onkel, dein Bruder, dein Großvater oder auch ein anderes Familienmitglied dich so berührt, dass es dir Unbehagen und Angst bereitet oder wehtut, dann ist dies nicht richtig und die Person, die dich so berührt, begeht einen Fehler. Es ist dann sehr wichtig, dass du nicht alleine bleibst, sondern mit einem Menschen darüber redest, zu dem du Vertrauen hast. Kein Mensch, auch kein Familienmitglied, hat das Recht, deine körperlichen Grenzen zu missachten." Wir halten es für notwendig, in Vorträgen, Seminaren und Arbeitsgruppen, das Thema sexueller Missbrauch als Tabu zu brechen, so dass missbrauchten Kindern eine Plattform gegeben werden kann, über das, was ihnen passiert ist, zu sprechen.

 

Die Statistik besagt, dass ein Kind sich mindestens sieben Erwachsenen anvertraut, bevor es Gehör findet. Das ist ein unhaltbarer Zustand und erklärt sehr deutlich, warum es bei den meisten Betroffenen sexueller Gewalt so lange dauert, bis sie über ihre Geschichte sprechen können: Kinder, die solch eine Grausamkeit wie sexuellen Missbrauch erlebt haben, haben gleichzeitig auch erlebt, dass es kaum Sinn macht, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, weil sich so viele angewidert abwenden und im Zweifel lieber das Kind  beschuldigen, zu lügen oder phantasieren, anstatt ihm zu helfen.

 

Wie hier deutlich wird, ist es sehr wichtig, sowohl Kindern, als auch Erwachsenen Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie Missbrauch wirksam bekämpfen können. Denn das eine bedingt das andere: Wenn Kinder merken, dass eine Bereitschaft von Erwachsenen da ist, ihnen zuzuhören und sie zu unterstützen, werden diese sich viel vertrauensvoller öffnen können. Gleichzeitig werden Erwachsene, die Symptome von sexuellem Missbrauch gelernt haben, zu erkennen und  geschult im Umgang mit Kindern sind, die sich ihnen anvertrauen, viel effektiver helfen können.  

 

Wir laden Sie herzlich dazu ein, Ihre Erfahrungen, Ideen, Tipps, Lösungsvorschläge etc. zu diesem Thema in unser Gästebuch einzutragen.

 

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In case of sex crime it is obvious that the general application of the criminal law, particularly the presumption of innocence, has an adverse effect on the protection of the victims.

In case of sexual assaults, every doubt on the offender's guiltiness directs against the victim. Because it is characteristic that during a case of sexual violence there are no witnesses at present, at court there will almost always be one person´s word against another´s. Only if the court suceeds to prove the accused's fault / guiltiness doubtless it can confirm the injured's status. But when there is the least doubt at the offender's fault at the same time there will always be a doubt whether the victim says the truth. Considering the background that in most cases witnesses are completely missing and further considering the application of the law of presumption of innocence at court there exists a clear advantage for the accused person in sex offense trials.

In this context we think it is important to emphasize that sex offenses, contrary to the general opinion and presentation, usually are not committed by strangers. Rather they are committed by people from the family or people from the close surroundings who are the offender in most cases of sexual violence, for example fathers, stepfathers, grandfathers, uncles, older brothers, partners, ex partners and husbands and so on

Also because the offenders are mostly family members or friends victims hesitate to talk about it. For example there is the reasonable fear that not a person will believe the victim. Furthermore a conflict of loyalties that the victim may face can lead to the victim´s silence. Accordingly, most victims need years to decades until they can tell someone what is happening or has happened. In most cases it is too late for a police complaint because in Germany there are limitation periods for cases of sexual violence which still exist despite hard demands for a removal of such periods. We call for an absolute abolishment of any limitation periods in the context of sex offenses and we will fight for it by all available means that are available to us. Some of these means are e. g. observations and analyses of trials related to sexual violence which we are organizing in cooperation with and according to the idea of the initiative pro justice in case of sexual violence (http://ifgbsg.org/), petitions against limitation periods when it comes to sexual violence and respective demonstrations.

Furthermore, we attach extreme importance to awareness-raising in schools as well as other institutions in which is taken care of children about the signs of sexual abuse and signs that sexually abused children show either consciously or unconsciously. Here we currently see a heavy gap in the general knowledge. This is also the case because the topic „sexual abuse“ is not part of any seminar or lecture at any university. Because of that we plan to initiate a continuing education concept in cooperation with primary schools as well as comprehensive schools aiming to bring school staff closer to the topic and to train the respective cognition of teachers.

However, our work doesn´t stop after training the teachers. The appropriate addressing of students with regard to this important topic is at least just as important. It is time that children are not just told not to go along with strangers. As has been proved, sexual abuse occurs comparatively rarely through strangers but in most cases takes place in the circle family, at relatives´ or friends´ places.

Therefore, besides the warning of the „strange man“ it is at least equally important and necessary that the following sentences are spoken out: „If somebody in your family, may it be your father, your uncle, your brother, your grandfather or any other family member, touches you so that it causes discomfort or fear or it hurts, then this is not right and the person touching you makes a mistake. Then it is very important that you do not stay alone but talk about it with a person that you trust. No human, not even a family member, has the right to ignore your body boundaries.“ We consider it tremendously important that in lectures, seminars and workgroups the taboo of this topic – namely sexual abuse - is broken so that abused children are given a platform to talk about what has happened to them.

The statistics prove that a child tries to tell what happened to at least seven adults before it is heard. This is an unacceptable condition and it explains very obviously why it takes so long for the most affected persons until they can talk about their story. Children who have experienced such cruelty as sexual violence have also experienced that it hardly makes sense to tell adults about it, because so many refuse listening and turn another way disgustedly and in case of any doubt they rather accuse the child of lying or dreaming instead of helping it.

This should make clear it is very important that both children and adults are given tools with which they can combat abuse effectively. Because the one will affect the other: If children realize that there is a willingness of adults to listen to them and support them, they will open to them more trustworthily. At the same time adults who have been taught and trained how to recognize the symptoms of sexual abuse and are educated in dealing with children who tell them their story can help more effectively.

You are invited to enter your experiences, ideas, tips, suggestions for solutions etc. regarding this topic into our guestbook

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